Eiblättriges Tännelkraut, Rundblättrige Glockenblume, Gewöhnliche Waldrebe
Eiblättriges Tännelkraut, Rundblättrige Glockenblume, Gewöhnliche Waldrebe

 

Pflanzenartenvielfalt im Stadtgebiet von Hannover

Großstädte - Wüsten oder Oasen für wildlebende Arten?

Von Georg Wilhelm

Großstädte standen für den Naturschutz lange Zeit nicht gerade im Mittelpunkt des Interesses. Schließlich ist die Stadt förmlich der Inbegriff der „Nicht-Natur“. Muss die Artenvielfalt hier, von sogenannten Allerweltsarten abgesehen, nicht von vornherein verloren gegeben werden? Sind Lebensräume in der Stadt nicht überlaufen und gestört, verschmutzt und künstlich überformt?

Mittlerweile hat sich der Blickwinkel auf die Stadt als Lebensraum verändert. Untersuchungen der letzten Jahrzehnte zur großstädtischen Tier- und Pflanzenwelt dokumentierten eine teilweise beachtliche Artenvielfalt. Dabei spielten seit den sechziger Jahren Wissenschaftler im vom Umland abgeschnittenen Westberlin eine Pionierrolle. Auch die Forderung des Bundesnaturschutzgesetzes (§ 1), die Natur sowohl im besiedelten als auch im unbesiedelten Bereich zu schützen, markiert diesen Perspektivwechsel. Heute gibt es bereits Stimmen, die ins entgegengesetzte Extrem verfallen und Städte wegen ihres Artenreichtums als „Inseln der Vielfalt im Meer der verarmten Eintönigkeit“ bezeichnen (REICHHOLF 2006).

Hannover, Blick vom Kronsberg
Hannover, Blick vom Kronsberg

Vielfalt in Zahlen - Pflanzenartenbilanzen in Hannover

Betrachtet man die Situation in Hannover bei der Artengruppe der Farn- und Blütenpflanzen (Gefäßpflanzen), so erscheint der biologische Reichtum hier in der Tat recht hoch. Eine Erfassung der Farn- und Blütenpflanzen in Hannover kam vor wenigen Jahren auf 989 wild wachsende einheimische oder eingebürgerte Sippen (Arten, Unterarten und Hybriden) (WILHELM & FEDER 1999), was gut der Hälfte des gesamten Arteninventars des Landes Niedersachsen entsprach. Dazu kamen 157 unbeständig vorkommende Sippen. Die bundesweite Punktrasterkartierung - dabei wurde für jedes Kartenblatt der Deutschen Grundkarte 1:25.000 festgestellt, welche Arten aktuell oder in der Vergangenheit hier vorkamen - ergab für das Kartenblatt „Hannover“ (3624) die größten Artenzahlen in Niedersachsen (HAEUPLER & SCHÖNFELDER 1989).

Ähnlich wie beim Vergleich der Zahlen aller Farn- und Blütenpflanzen sind die Ergebnisse, wenn die Zahlen der gefährdeten Arten verglichen werden. Von den zehn Kartenblatt-Vierteln mit der höchsten Anzahl gefährdeter Arten lagen vier ganz oder teilweise im hannoverschen Stadtgebiet, darunter auch das Viertel mit dem Spitzenwert, das den Raum Hannover-Misburg und Höver abdeckt (GARVE 1994). Gegenwärtig sind im Stadtgebiet nach der aktuellen Roten Liste (GARVE 2004) etwa 240 gefährdete Sippen vorhanden; das entspricht einem Anteil von rund einem Drittel der in Niedersachsen noch wachsenden gefährdeten Sippen. 64 von ihnen sind den besonders hohen Gefährdungsstufen (stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht) zugeordnet.

Wie ist dieser Befund nun zu erklären? In Betracht kommen zunächst statistische Verzerrungen, denn in Bereichen, in denen sich viele Botaniker aufhalten, werden auch mehr Arten entdeckt. Tatsächlich wurde Hannover in den achtziger und neunziger Jahren durch Stadtbiotopkartierungen der Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit der Universität Hannover überdurchschnittlich gut untersucht. Dies kann aber nur ein Teil der Erklärung sein, denn auch in der freien Landschaft finden sich sehr gründlich kartierte, attraktive Exkursionsziele.

Die entscheidenden Gründe für die relativ hohen Artenzahlen dürften die Vielfalt der Naturräume in Hannover und die allgemein große Vielfalt an Lebensräumen in Städten sein.

Vom Mergelhügel zum Hochmoor - Vielfalt der Naturräume in Hannover

Im hannoverschen Stadtgebiet treffen mehrere recht unterschiedliche Landschaftsräume zusammen; entsprechend hoch ist die Vielfalt der Wuchsbedingungen auf vergleichsweise kleinem Raum und in ihrer Folge auch die Vielfalt der Pflanzenarten. Das Spektrum der Böden reicht von steinig bis tonig, von bodensauer bis basenreich und von trocken bis nass.

Am Kronsberg im Südosten als höchster natürlicher Erhebung der Stadt stehen Mergel und Kalksteine der Oberkreide an, aus denen sich Kalkverwitterungsböden (Rendzinen) gebildet haben. Er zählt zum Naturraum der Börden und damit bereits zum Berg- und Hügelland. Im Südwesten der Stadt haben sich auf der Grundmoräne und teilweise auch älteren Formationen unterschiedlich mächtige Lössschichten abgelagert. Der größere Teil der Stadt liegt im Naturraum Weser-Aller-Flachland. Dieser Bereich umfasst vorwiegend Sandböden der grundwassernahen bis grundwasserfernen Geest. Die Böden weisen aber teilweise auch Lehmanteile auf; in der Wietzeaue östlich Isernhagen-Süd kommen Tonböden vor. Im Altwarmbüchener Moor hat sich über eiszeitlichem Flusssand Hochmoortorf gebildet. Kalk-Niedermoorböden als in Niedersachsen seltener Standort sind auf der Breiten Wiese einschließlich Hermann-Löns-Park und Mardalwiese sowie im Seckbruch über kalkreichen Schlammablagerungen eines nacheiszeitlichen Sees (Kalkmudde) entstanden. Die Leineaue mit ihren Auenlehmablagerungen verbindet die zum Flachland mit den zum Berg- und Hügelland zählenden Bereichen der Stadt (LANDESHAUPTSTADT HANNOVER 1990).

Treffpunkt für Pflanzen aus allen Himmelsrichtungen

Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera)
An zwei Wuchsstellen in Hannover hat die bundesweit stark gefährdete Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) ihre nördlichsten deutschen Vorkommen.

Die im Sommerhalbjahr austrocknenden und leicht erwärmbaren Mergelböden im Südosten der Stadt begünstigen submediterrane Arten, also wärme- und trockenheitsliebende Pflanzen, die einen Verbreitungsschwerpunkt im Flaumeichengebiet des nördlichen Mittelmeerraums haben. Dazu zählt auch eine Reihe von Arten, die im Stadtgebiet an die Nordwestgrenze ihrer Verbreitung stoßen, so etwa die am Kronsberg auf Äckern und an Feldrändern wachsenden Arten Sichelmöhre (Falcaria vulgaris), Vaillant-Erdrauch (Fumaria vaillantii), Eiblättriges Tännelkraut (Kickxia spuria), Kleiner Frauenspiegel (Legousia hybrida) und Stängelumfassendes Hellerkraut (Thlaspi perfoliatum). Ebenfalls ihre Arealgrenze erreichen in Hannover die submediterranen Orchideenarten Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) und Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea). An die Nordgrenze seiner Verbreitung gelangt mit seinem Vorkommen im Bockmerholz der Gelbe Eisenhut (Aconitum lycoctonum). Er zählt zu den präalpinen Arten mit Verbreitungsschwerpunkt in Wäldern ost-, mittel- und südeuropäischer Hochgebirge.

Hain-Wachtelweizen (Melampyrum nemorosum)
Der Hain-Wachtelweizen (Melampyrum nemorosum) mit seinen markanten violetten Hochblättern stößt in Hannover an die Westgrenze seiner Verbreitung.

Doch nicht nur aus dem Süden, sondern auch aus dem Osten sind Pflanzen vertreten, die im hannoverschen Stadtgebiet an ihre Verbreitungsgrenze stoßen. Es handelt sich vor allem um Arten mit einem Schwerpunkt in den osteuropäischen bzw. eurasiatischen Laubwaldgebieten, die in den Küstenregionen Europas zurücktreten (subkontinentale bzw. eurasiatisch-kontinentale Arten). Zu dieser Gruppe sind Knack-Erdbeere (Fragaria viridis), Hain-Wachtelweizen (Melampyrum nemorosum) und Wunder-Veilchen (Viola mirabilis) zu rechnen, die gerade noch an wärmeren, kalkbeeinflussten Waldsäumen von Bockmerholz oder Gaim vorkommen. Auch auf wechselfeuchten Standorten der Kalkmergelböden am Rand und im Umfeld des Kronsbergs kommen Arten dieses Arealtyps vor; von ihnen erreichen Filz-Segge (Carex tomentosa) und Weidenblättriger Alant (Inula salicina) in Hannover ihre Verbreitungsgrenze. Eine subkontinentale Pflanze der Sandböden, die in Hannover an ihre Westgrenze gelangt, ist die Sand-Grasnelke (Armeria maritima ssp. elongata). Sie wächst im Stadtgebiet vor allem auf den Sandmagerrasen an der Kugelfangtrift.

Sand-Grasnelke (Armeria elongata)
Die östlich verbreitete Sand-Grasnelke (Armeria elongata) kommt im Stadtgebiet vor allem auf Sandmagerrasen an der Kugelfangtrift vor.

Die atlantischen, also eng an die westeuropäischen Küstenregionen gebundenen Arten fehlen meist in Hannover schon. Gagelstrauch (Myrica gale) und Moorlilie (Narthecium ossifragum) als Vertreter dieser Gruppe erreichen noch die Region, aber nicht mehr die Stadt. Gut vertreten sind noch die subatlantischen Arten, die ebenfalls einen westeuropäischen Verbreitungsschwerpunkt aufweisen, aber weiter in küstenferne Gebiete ausstrahlen und schon zu den mitteleuropäischen Arten überleiten. Hierzu zählen unter anderem Arten der Zwergstrauchheiden und Borstgrasrasen wie Englischer Ginster (Genista anglica), Behaarter Ginster (Genista pilosa), Gewöhnliches Kreuzblümchen (Polygala vulgaris) und Sparrige Binse (Juncus squarrosus). Von diesen Biotoptypen finden sich noch Restvorkommen in den Bereichen Kugelfangtrift und Standortübungsplatz Nord, Lahe und Misburger Wald.

In kleinen Heideresten im Norden der Stadt wächst gelegentlich noch der Behaarte Ginster (Genista pilosa), ein Strauch von höchstens 30 cm Höhe.
In kleinen Heideresten im Norden der Stadt wächst gelegentlich noch der Behaarte Ginster (Genista pilosa), ein Strauch von höchstens 30 cm Höhe.

Bei nordischen oder borealen Arten handelt es sich um Pflanzen des skandinavischen und sibirischen Nadelwald- und Birkenwaldgebietes, also der Taiga. Viele Vertreter dieses Arealtyps sind südlich ihres Hauptverbreitungsgebietes auf Moore mit ihrem kühleren Kleinklima beschränkt. Beispiele für nordische Arten im Stadtgebiet sind Rosmarinheide (Andromeda polifolia), Rundblättriger Sonnentau (Drosera rotundifolia), Gewöhnliche Moosbeere (Vaccinium oxycoccos), Faden-Binse (Juncus filiformis) und Zwerg-Igelkolben (Sparganium natans). In Hannover sind diese Pflanzen auf das Altwarmbüchener Moor oder seine nähere Umgebung beschränkt. Absolute Verbreitungsgrenzen nordischer Arten sind an der niedersächsischen Tiefland-Hügelland-Grenze und damit im hannoverschen Stadtgebiet nicht zu erwarten, da sie weiter im Süden in der Regel in höheren Berglagen wieder geeignete klimatische Bedingungen finden.

Hannover liegt also an der Arealgrenze vor allem für einige submediterrane und subkontinentale Arten. Aber auch für viele Arten, die hier nicht ihre absolute Verbreitungsgrenze erreichen, ist die Tiefland-Hügelland-Grenze, etwa aus geologischen Gründen, eine Trennungslinie. Ein Beispiel ist die Finger-Segge (Carex digitata), die in Niedersachsen weitgehend auf Wälder der Kalkgebiete des Hügellandes beschränkt ist und im Misburger Wald wohl den nördlichsten Wuchsort seines südniedersächsischen Vorkommens erreicht. Danach fehlt die Art im niedersächsischen Tiefland bis zur Elbe, tritt aber in den besser basenversorgten Jungmoränengebieten wieder auf. Umgekehrt überschreitet der Königsfarn (Osmunda regalis), der in den Bruchwäldern am Rand des Altwarmbüchener Moores wächst, nicht die Linie Hannover-Braunschweig, obwohl die Art sowohl westlich als auch östlich von Niedersachsen weiter nach Süden vordringt. In ähnlicher Weise ist auch für viele andere Arten der Nordrand der Lössbörde eine Grenze, die nicht oder nur selten überschritten wird. Dass sich hier Arten der nördlichen und südlichen Landesteile auf relativ kleinem Raum begegnen, trägt zur Artenvielfalt dieses „Grenzlandes“ bei.

Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)
Die Samen des Schwarzen Bilsenkrauts (Hyoscyamus niger), einer Pflanze trockenwarmer offener Böden, können jahrzehntelang im Boden überdauern und dann nach Störungen wieder keimen.

Für einige Pflanzen stellt auch die Lössbörde selbst einen Verbreitungsschwerpunkt in Niedersachsen dar, insbesondere ihr sommerwarmer, niederschlagsarmer Teil zwischen Hannover, Hildesheim und Braunschweig. Dies gilt etwa für die wärmeliebenden Ackerwildkräuter und Ruderalpflanzen Verwechselte Trespe (Bromus commutatus), Unechter Gänsefuß (Chenopodium hybridum), Niederliegender Krähenfuß (Coronopus squamatus) und Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), die daher im Südosten Hannovers relativ gut vertreten sind. Ebenfalls ein Hauptvorkommen im Tiefland-Hügelland-Grenzbereich östlich von Hannover hat eine Gruppe landesweit bedrohter Arten der wechselfeuchten oder nassen basenreichen Lehmböden, die auch im Osten der Stadt noch zu finden ist. Zu ihnen zählt unter anderem das Nordische Labkraut (Galium boreale), das Wirtgen-Labkraut (Galium verum ssp. wirtgenii), die Stumpfblütige Binse (Juncus subnodulosus), die Färber-Scharte (Serratula tinctoria) und der Große Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis).

Seine dunkelkarminroten Blütenköpfchen machen den gefährdeten Großen Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) unverwechselbar
Seine dunkelkarminroten Blütenköpfchen machen den gefährdeten Großen Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) unverwechselbar
Das Fluss-Greiskraut (Senecio sarracenicus), eine prächtige im Spätsommer blühende Staude, stellt eine botanische Besonderheit der Leineufer dar
Das Fluss-Greiskraut (Senecio sarracenicus), eine prächtige im Spätsommer blühende Staude, stellt eine botanische Besonderheit der Leineufer dar

Auch die Leine, die sich durch das Stadtgebiet zieht, ist natürlicher Ausbreitungsweg und Lebensraum für eine Reihe von Pflanzenarten. Eine typische Stromtalpflanze ist das Fluss-Greiskraut (Senecio sarracenicus), das an Weser und Elbe stark zurückgegangen ist, aber am mittleren Lauf der Leine und damit auch in Hannover nicht selten in Uferhochstaudenfluren steht. In unserem Raum vor allem entlang des Leinetals verbreitet sind auch die Schwanenblume (Butomus umbellatus), der Gefleckte Schierling (Conium maculatum), der Wiesen-Alant (Inula britannica) und der Spreizende Wasserhahnenfuß (Ranunculus circinatus).

Der Echte Sellerie (Apium graveolens) gehört zu den seit langem an der Fösse nachgewiesenen Arten, die vom Salzgehalt des Gewässers profitieren.
Der Echte Sellerie (Apium graveolens) gehört zu den seit langem an der Fösse nachgewiesenen Arten, die vom Salzgehalt des Gewässers profitieren.

Eine Gruppe von Pflanzen mit einem wiederum völlig andersartigen Verbreitungsbild sind die Salz ertragenden Arten (Halophyten), die auch Salzstellen des Binnenlandes besiedeln. Entsprechend der Seltenheit dieses Lebensraums sind darunter überwiegend im Binnenland seltene Arten; dagegen sind viele von ihnen, aber keineswegs alle, an den Küsten häufig. An der Fösse zwischen Badenstedt und Davenstedt existierten über dem Benther Salzstock natürliche salzhaltige Quellen und Sümpfe, an denen schon vor 200 Jahren das Vorkommen von Halophyten dokumentiert wurde. Noch heute wachsen an der Fösse unter anderem die seit langem hier nachgewiesenen Arten Echter Sellerie (Apium graveolens), Milchkraut (Glaux maritima) und Salz-Binse (Juncus gerardii). Auch Entferntährige Segge (Carex distans), Salz-Bunge (Samolus valerandi) und Erdbeer-Klee (Trifolium fragiferum) gehören zu den schon lange an der Fösse wachsenden Pflanzen, die aber darüber hinaus im Osten der Stadt, u.a. in Mergelgruben, gefunden wurden. Vermutlich auf dem Weg über Einleitungen von Kalihalden-Abwässern aus Ronnenberg haben sich weitere Halophyten an der Fösse angesiedelt, die hier in früheren Zeiten sicher noch nicht vorkamen, etwa die Strand-Aster (Aster tripolium), Kurzähren-Queller (Salicornia europea) und Strand-Dreizack (Triglochin maritimum). 

Der urbane Biotopmix - Lebensraumvielfalt in Städten

Strand-Aster (Aster tripolium)
Erst in neuerer Zeit hat die in Salzwiesen der Küste verbreitete Strand-Aster (Aster tripolium) an der Fösse Fuß gefasst.

Aber auch ohne seine besondere Naturraumvielfalt wären die Artenzahlen in Hannover höher als in der freien Landschaft, denn Städte sind generell reich an verschiedenen Gefäßpflanzenarten. Dabei weisen Großstädte höhere Artenzahlen pro Flächeneinheit als Kleinstädte und Millionenstädte wiederum höhere Artenzahlen als Großstädte auf (BRANDES & ZACHARIAS 1989). Geht man von den äußeren Randzonen der Städte in Richtung Zentrum, steigen die Zahlen der Blüten- und Farnpflanzenarten zunächst deutlich an, erreichen in der Zone der aufgelockerten Bebauung ihr Maximum und sinken dann in der Zone der geschlossenen Bebauung wieder ab (WITTIG 2002).

Um dies zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass Städte in einem viel stärkeren Maß als die durchschnittliche Agrarlandschaft einen Flickenteppich ganz unterschiedlicher Nutzungen und Lebensräume bilden. Das gilt besonders für die Übergangszone zwischen dichter Bebauung und Stadtrand; vor allem diese Zone enthält neben stadttypischen Lebensräumen auch Reste der Landschaft, die von der wachsenden Stadt durchdrungen wurde.

In der Stadt mischen sich also urbane und vor-urbane Lebensräume. Um den Patchwork-Charakter der städtischen Lebensräume zu beschreiben, sind Städte als Gebiete charakterisiert worden, die vier Arten von Natur umfassen, wobei der Begriff „Natur“ im denkbar weitesten Sinne für alles Lebendige in der Stadt benutzt wird (KOWARIK 1992):

  • Reste der ursprünglichen Naturlandschaft („Natur der ersten Art“)
  • Reste der landwirtschaftlichen Kulturlandschaft („Natur der zweiten Art“)
  • Symbolische Natur gärtnerischer Anlagen („Natur der dritten Art“)
  • Spezifisch urban-industrielle Natur („Natur der vierten Art“)

Reste der ursprünglichen Naturlandschaft

Steinbeere (Rubus saxatilis)
Die seltene Steinbeere (Rubus saxatilis), auch Felsen-Himbeere genannt, hat Ähnlichkeiten mit einer Brombeere, ist aber eine krautige, völlig unverholzte Pflanze mit nur feinen, weichen Stacheln.

Reste der Naturlandschaft finden sich in Hannover vor allem in Wäldern, auf Hochmoorflächen und an naturnahen Flussabschnitten. Wie alle Flächen in der Stadt sind solche Naturlandschaftsrelikte vom Menschen genutzt und verändert. Rein aus Naturschutzsicht benötigen derartige Lebensräume im Prinzip keine Pflege oder Nutzung, müssen aber möglicherweise saniert werden, damit natürliche Prozesse wieder ablaufen können (z. B. Wiedervernässung von entwässertem Hochmoor, Renaturierung von Flüssen). Allerdings kann sich aufgrund langer menschlicher Nutzung auf manchen Flächen ein reiches Arteninventar eingestellt haben, das eine Fortführung solcher Eingriffe nahe legt (z. B. bei Eichenwäldern auf Buchenwaldstandorten).

Als Parasit auf Baumwurzeln lebt die im Tiefland stark gefährdete Schuppenwurz (Lathrea squamaria). Ebenso wie Buchenspargel und Vogel-Nestwurz, die man ebenfalls in hannoverschen Wäldern finden kann, kommt die Pflanze ganz ohne Blattgrün aus
Als Parasit auf Baumwurzeln lebt die im Tiefland stark gefährdete Schuppenwurz (Lathrea squamaria). Ebenso wie Buchenspargel und Vogel-Nestwurz, die man ebenfalls in hannoverschen Wäldern finden kann, kommt die Pflanze ganz ohne Blattgrün aus

Die Reste der Naturlandschaft in Hannover weisen teilweise einen hervorragenden Wert auf, was auch dadurch dokumentiert ist, dass Gaim, Bockmerholz, Teile des Misburger Waldes, Altwarmbüchener Moor und die Leine unterhalb Herrenhausens als Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes NATURA 2000 anerkannt wurden. Zu den nach der Einstufung der Roten Liste bedeutsamsten Pflanzenartenvorkommen in Hannovers Wäldern gehören Finger-Segge (Carex digitata), Leberblümchen (Hepatica nobilis), Buchenspargel (Monotropa hypophegea), Vogel-Nestwurz (Neottia nidus-avis) und Steinbeere (Rubus saxatilis) in frischen Teilen des Misburger Waldes, Schwarzschopf-Segge (Carex appropinquata) im gleichen Gebiet in einem kleinen Erlenbruch sowie die Schuppenwurz (Lathraea squamaria) in der südlichen Eilenriede. Im Wäldchen Große Heide in Bothfeld säumt das sonst seltene Aufrechte Glaskraut (Parietaria officinalis) die Waldwege.

Weißes Schnabelried (Rhynchospora alba)
Nur noch auf kleinsten Flächen wächst im hannoverschen Teil des Altwarmbüchener Moors das Weiße Schnabelried (Rhynchospora alba).

Durch zahlreiche Eingriffe, zuletzt durch den Bau der Moorautobahn, wurde das Altwarmbüchener Moor stark entwässert. Daher finden sich typische Arten der Moorschlenken und Moortümpel wie Rundblättriger Sonnentau (Drosera rotundifolia), Mittlerer Sonnentau (Drosera intermedia), Weißes Schnabelried (Rhynchospora alba) oder Kleiner Wasserschlauch (Utricularia minor) im stadthannoverschen Teil des Altwarmbüchener Moores nur noch in ehemaligen Torfstichen und Bombentrichtern. Mit aufwendigen Wiedervernässungsmaßnahmen im nördlichen Teil des Moores wurde in den letzten Jahren versucht, den Moorwasserspiegel wieder anzuheben. Für einen nachhaltigen Erfolg ist als dringender nächster Schritt aber noch nötig, den Hauptentwässerungsgraben am Südrand des Moores (Brandgraben) außer Funktion zu setzen.

Das Wirtgen-Labkraut (Galium wirtgenii), eine Feuchtwiesenart, die im Hermann-Löns-Park große Bestände bildet, ähnelt dem nah verwandten, auf trockenen Standorten wachsenden Echten Labkaut
Das Wirtgen-Labkraut (Galium wirtgenii), eine Feuchtwiesenart, die im Hermann-Löns-Park große Bestände bildet, ähnelt dem nah verwandten, auf trockenen Standorten wachsenden Echten Labkaut

Reste der landwirtschaftlichen Kulturlandschaft

Im Gegensatz zu den Relikten der Naturlandschaft sind die Lebensräume der Agrarlandschaft wie Grünland oder Äcker durch menschliche Nutzung entstanden und benötigen zu ihrer Erhaltung eine Nutzung oder Pflege.

Feuchtgrünland ist im Stadtgebiet nur kleinflächig erhalten. Andererseits ist auf diesen für die Landwirtschaft abgelegenen Flächen der Druck in Richtung Intensivlandwirtschaft eher geringer. Auch bei der Erfassung artenreichen Grünlands in der Region Hannover wurde die Erfahrung gemacht, dass für den Pflanzenartenschutz bedeutende Wiesen und Weiden weniger in den großen zusammenhängenden Grünlandgebieten zu finden waren; vielmehr handelte es sich meist um kleine, schlecht erreichbare Restflächen (KATENHUSEN, mündl.). Die Feuchtgrünlandreste in Hannover werden oft durch Pferdebeweidung genutzt, was besondere Chancen für den Naturschutz bietet, unter anderem, weil diese Flächen wenig gedüngt werden.

Traubige Trespe (Bromus racemosus)
Unscheinbar, aber heute eine große Rarität ist die Traubige Trespe (Bromus racemosus), ein Gras der Feuchtwiesen.

Eine vom Arteninventar herausragende Feuchtgrünlandfläche hat sich noch auf der Mardalwiese auf Kalkniedermoorböden erhalten. Stark gefährdete Arten wie Heil-Ziest (Betonica officinalis), Filz-Segge (Carex tomentosa), Nordisches Labkraut (Galium boreale), Wirtgen-Labkraut (Galium wirtgenii), Färber-Scharte (Serratula tinctoria) und Wiesen-Silge (Silaum silaus) kommen hier in der Fläche und nicht nur noch an Rändern oder Grabenböschungen vor. Wirtgen-Labkraut und Wiesen-Silge wachsen auch auf einzelnen Mähweiden mit wohl tonigem Untergrund in der Wülfeler Masch; dazu kommt hier unter anderem die stark gefährdete Traubige Trespe (Bromus racemosus). Heil-Ziest und Wiesen-Silge sind ebenfalls auf Grünland der Wietzeniederung östlich Isernhagen-Süd zu finden; dieses Gebiet hat aber durch Brachfallen von Weiden oder vereinzelt auch ihre Überführung in Mähwiesen floristisch an Wert verloren. Viele bemerkenswerte Pflanzenarten des Gebietes sind auf kleine Störstellen angewiesen, wie sie durch Tierhufe entstehen, etwa Arten der Zwergbinsengesellschaften wie Acker-Quellkraut (Montia fontana ssp. chondrosperma) oder Borstige Schuppensimse (Isolepis setacea), aber auch Pflanzen der Sumpfdotterblumenwiesen wie zum Beispiel die seltene Löwenzahnart Nordstedt-Löwenzahn (Taraxacum nordstedtii).

Die Gattung Löwenzahn (Taraxacum) ist in Niedersachsen mit einigen Hundert Arten vertreten, die noch ganz unzureichend erforscht sind. Der seltene Nordstedt-Löwenzahn (Taraxum nordstedtii) unterscheidet sich von häufigen Arten durch seine dunklen Hüllblätter
Die Gattung Löwenzahn (Taraxacum) ist in Niedersachsen mit einigen Hundert Arten vertreten, die noch ganz unzureichend erforscht sind. Der seltene Nordstedt-Löwenzahn (Taraxum nordstedtii) unterscheidet sich von häufigen Arten durch seine dunklen Hüllblätter

Ein bis in unsere Zeit erhaltenes Stück historischer Kulturlandschaft in Hannover ist auch der Standortübungsplatz Nord. Hier finden sich die größten zusammenhängenden Magerrasen der Stadt, die sich südlich der A2 mit dem Gebiet Kugelfangtrift/Segelfluggelände fortsetzen. Die trockenen bis wechselfeuchten Flächen weisen Arten wie Heide-Nelke (Dianthus deltoides), Natternzunge (Ophioglossum vulgatum), Gewöhnliches Kreuzblümchen (Polygala vulgaris) und Teufelsabbiss (Succisa pratensis) auf.

Für den Artenschutz sehr bedeutend sind einige in jüngerer Zeit ausgeschobene Kleingewässer, in denen Arten aufgetaucht sind, die sich wohl zumindest teilweise aus dem Samen- bzw. Sporenvorrat im Boden entwickelt haben.

Früher auf wechselfeuchten Wiesen weit verbreitet gibt es vom Teufelsabbiss (Succisa pratensis) im Stadtgebiet nur noch kleine Restvorkommen
Früher auf wechselfeuchten Wiesen weit verbreitet gibt es vom Teufelsabbiss (Succisa pratensis) im Stadtgebiet nur noch kleine Restvorkommen

Drei ganz unterschiedliche Beispiele sind Tümpel in der Schwarzen Heide mit dem stark bedrohten Pillenfarn (Pilularia globulifera), eine ausgeschobene Mulde bei Lahe mit Faden-Binse (Juncus filiformis) und Sumpf-Bärlapp (Lycopodiella inundata) und die vom HVV betreuten Tümpel und Mulden beim Brinksoot zwischen Gaim und Bockmerholz, unter anderem mit Gefärbtem Laichkraut (Potamogeton coloratus), Lauch-Gamander (Teucrium scordium), Filz-Segge (Carex tomentosa) und Salz-Bunge (Samolus valerandi). Da solche lückig bewachsenen Flächen schnell mit Weiden oder konkurrenzkräftigen Stauden und Gräsern zuwachsen können, sind die wertgebenden Pflanzenarten auf Dauer nur zu erhalten, wenn die Kleingewässer zumindest gelegentlich in eine Beweidung einbezogen oder, wie am Brinksoot, naturschutzgerecht gepflegt werden.

Vaillant-Erdrauch (Fumaria vaillantii)
Vaillant-Erdrauch (Fumaria vaillantii)

Der für den Artenschutz auf Äckern wichtigste Bereich in Hannover ist zweifellos der Kronsberg. Die größte Besonderheit der Äcker an seinen wechselfeuchten Rändern sind das Eiblättrige Tännelkraut (Kickxia spuria), das in Niedersachsen fast nur noch hier vorkommt; ebenfalls gefährdet sind das Spießblättrige Tännelkraut (Kickxia elatine) und die Acker-Lichtnelke (Silene noctiflora). Eine auffällige Rarität der Äcker im Kammbereich ist der Feld-Rittersporn (Consolida regalis); weniger ins Auge fallen Vaillant-Erdrauch (Fumaria vaillantii), Kleiner Frauenspiegel (Legousia hybrida) und Gezähnter Feldsalat (Valerianella dentata). Während die Ackerwildkrautflora des Kronsbergs, trotz erheblicher Einbußen, noch vergleichsweise gut gesichert ist, sind bemerkenswerte Ackerwildkräuter im Norden der Stadt wie Acker-Löwenmaul (Misopates orontium) oder Acker-Ziest (Stachys arvensis) wohl inzwischen Bauprojekten oder Nutzungsänderungen zum Opfer gefallen.

Echtes Herzgespann (Leonurus cardiaca ssp. cardiaca)
Echtes Herzgespann (Leonurus cardiaca ssp. cardiaca)

Zur bäuerlichen Kulturlandschaft gehört auch die Siedlungsvegetation der Dörfer. Der sehr selten gewordene Gute Heinrich (Chenopodium bonus-henricus), vielleicht der Inbegriff einer Dorfpflanze, kommt in Wülferode an mindestens zwei Wuchsorten vor. Von den wenigen Vorkommen des stark gefährdeten Echten Herzgespanns (Leonurus cardiaca ssp. cardiaca) befindet sich ein auffällig großer Teil noch in alten Ortskernen oder an Plätzen mit Tierhaltung, zum Beispiel am Reitstall an der Bult. Manche wärmeliebenden alten Arten der Siedlungen wie die Rotfrüchtige Zaunrübe (Bryonia dioica) haben heute in Niedersachsen ihr Hauptvorkommen in Hannover und anderen großen Städten, wo sie vom wärmeren Stadtklima begünstigt werden.

Symbolische Natur gärtnerischer Anlagen


Gärtnerische Anlagen sind eine Form von „Natur“, die eher in Städten als in der freien Landschaft vertreten sind. Die Spanne reicht von großen Park- und Friedhofsanlagen bis zum kleinen Vorgarten.

Die Rotfrüchtige Zaunrübe (Bryonia dioica, hier die Früchte) ist zweihäusig; die Pflanzen haben also nur männliche oder nur weibliche Blüten
Die Rotfrüchtige Zaunrübe (Bryonia dioica, hier die Früchte) ist zweihäusig; die Pflanzen haben also nur männliche oder nur weibliche Blüten

Für den Naturschutz sind ältere Landschaftsparks besonders interessant, weil man oft Teile der seinerzeit vorgefundenen Kulturlandschaft in die Anlage einbezogen und damit bis heute erhalten hat. Dies trifft auf den Hermann-Löns-Park zu, der in den dreißiger Jahren am Rand des Kalkniedermoorgebietes der Breiten Wiese angelegt wurde. Zwar fielen die wertvollsten Bereiche einer Teichanlage zum Opfer, obwohl Zeitgenossen bereits auf die Bedeutung der Flächen hinwiesen. Trotzdem blieben viele bemerkenswerte Arten auf den Rasenflächen, die heute wieder wiesenartig gepflegt werden, erhalten, während auf der Breiten Wiese nach Entwässerung und schließlich Umbruch nur noch Grabenränder undkleinste Restflächen an den alten Reichtum erinnerten.

Salz-Hornklee (Lotus tenuis)
Salz-Hornklee (Lotus tenuis)

Im Hermann-Löns-Park wachsen 31 Pflanzenarten der niedersächsischen Roten Liste, unter anderem Wirtgen-Labkraut (Galium wirtgenii), Salz-Hornklee (Lotus tenuis), Natternzunge (Ophioglossum vulgatum) und Lauch-Gamander (Teucrium scordium). Er ist damit die Gartenanlage in Hannover mit den bei weitem meisten gefährdeten Arten.

Die Natternzunge (Ophioglossum vulgatum) ist ein eigentümlicher Farn der Feuchtwiesen, der im Hermann-Löns-Park noch zwei Vorkommen hat
Die Natternzunge (Ophioglossum vulgatum) ist ein eigentümlicher Farn der Feuchtwiesen, der im Hermann-Löns-Park noch zwei Vorkommen hat

Den zweiten Rang, gemessen an der Zahl der Rote-Liste-Arten, nimmt der Große Garten in Herrenhausen ein (WILHELM 2006). Hier lassen sich 23 gefährdete Arten nachweisen. Dieses Ergebnis mag angesichts des intensiv gepflegten Barockgartens verwundern. Die meisten Rote-Liste-Arten besiedeln die Rasen der Böschungen auf der Innenseite des umlaufenden Grabens (Graft) und der angrenzenden Randalleen. Dabei handelt es sich vor allem um Magerrasenarten wie Frühlings-Segge (Carex caryophyllea), Rauer Löwenzahn (Leontodon hispidus) oder Rauhaariges Veilchen (Viola hirta). Es spricht viel dafür, dass diese Arten, die früher um Herrenhausen wild wuchsen, heute in der Umgebung aber verschwunden sind, Relikte aus der Zeit der Entstehung des Gartens darstellen. Bemerkenswerte Wildpflanzen weisen auch Georgengarten, Stöckener Friedhof, Seelhorster Friedhof, Stadtfriedhof Lindener Berg und der Hinübersche Garten auf.

Rauhaariges Veilchen (Viola hirta) an der Graftböschung im Großen Garten Hannover
Rauhaariges Veilchen (Viola hirta) an der Graftböschung im Großen Garten Hannover

Historische Gartenanlagen sind aber nicht nur Refugium von Arten aus der früheren Umgebung, sondern können auch eine typische Parkflora beherbergen. Oft handelt es sich um Arten, die in der Vergangenheit als Zierpflanzen angebaut wurden und dann in den Anlagen verwildert sind. Verwilderte Pflanzenarten, die in einem Gebiet in ihrem Vorkommen auf historische Anlagen beschränkt sind, können als „Zeiger alter Gartenkultur“ (KOWARIK 1998) bezeichnet werden.

Nickender Milchstern (Ornithogalum nutans)
Der in den Herrenhäuser Gärten heute wild wachsende Nickende Milchstern (Ornithogalum nutans) war eine Modepflanze des Barock.

Ein Beispiel für Zeiger alter Gartenkultur in Hannover, die ihren Teil zur Pflanzenartenvielfalt der Stadt beitragen, ist der Nickende Milchstern (Ornithogalum nutans), eine im Barock beliebte Zierpflanze, die in den Herrenhäuser Gärten heute wild unter Hecken und Bäumen wächst. Die Wilde Tulpe (Tulipa sylvestris) ist eine weitere frühere Zierpflanze; sie hat ihr größtes hannoversches Wildvorkommen beim ehemaligen Rittergut Kronsberg (heute „Messewäldchen“).

Vermutlich aus alten Einsaaten stammen Bestände des Knolligen Rispengrases (Poa bulbosa), das unter älteren Bäumen am Altenbekener Damm, vor dem Funkhaus und in der Schaumburgstraße in Herrenhausen zu finden ist.

Aus dem Mittelmeergebiet wurde die Wilde Tulpe (Tulipa sylvestris) in der frühen Neuzeit als Zierpflanze eingeführt
Aus dem Mittelmeergebiet wurde die Wilde Tulpe (Tulipa sylvestris) in der frühen Neuzeit als Zierpflanze eingeführt

Auch moderne Grünflächen können interessante Arten aufweisen, insbesondere auf mageren Standorten und bei Verzicht auf Düngung. So befindet sich das größte Vorkommen des in Hannover sehr seltenen Frühlings-Fingerkrauts (Potentilla neumanniana) in Scherrasen zwischen Wohnblocks in der Ludwig-Jahn-Straße/Misburg.

Spezifisch urban-industrielle Natur

Mit „spezifisch urban-industrieller Natur“ sind die Lebensgemeinschaften spontaner, also nicht gepflanzter oder angesäter Vegetation in Bebauungsgebieten, auf Industrieflächen und auf Verkehrsanlagen einschließlich ihrer Verwilderungsstadien gemeint. Unter anderem durch Aufschüttung, Versiegelung und Grundwasserabsenkung sind die natürlichen Standortverhältnisse hier stark verändert. Teilweise sind so Extremstandorte entstanden, die in der früheren Kulturlandschaft unseres Raumes keine Entsprechung hatten. Dadurch konnten sich hier Pflanzenarten mit extremen Ansprüchen ansiedeln, die in der Umgebung der Stadt fehlen oder sehr selten sind. Bei diesen charakteristischen Stadtpflanzen handelt es sich um Arten, die deutlich mehr Wärme, Licht und Trockenheit benötigen oder ertragen als Arten des Umlands. Typisch ist auch ein sehr hoher Anteil von Neophyten, also von Pflanzen, die erst in der Neuzeit im betreffenden Raum eingewandert sind. Von den Pflanzenarten, die nur oder fast ausschließlich in der Stadt vorkommen, machen Neophyten 65 % aus. Handel und Verkehr in Großstädten erleichterten die Einwanderung dieser Arten. Bei den ausgesprochen großstädtischen Lebensräumen sind die Pflanzenfamilien der Korbblütengewächse und Süßgräser überproportional vertreten; dagegen fehlen Liliengewächse, Sauergräser und Orchideen - letztere in Hannover immerhin mit 17 Arten vertreten - fast ganz (KOWARIK 1992, WITTIG 2002).

Großer Bocksbart (Tragopogon dubius)
Großer Bocksbart (Tragopogon dubius)

Großflächiges Bahngelände stellt, zusammen mit Industriegelände, den artenreichsten städtischen Lebensraumtyp überhaupt dar (WITTIG 2002). Bei einer Untersuchung aller 19 hannoverschen Bahnhöfe wurde die beachtliche Zahl von 441 Gefäßpflanzenarten festgestellt (FEDER 1990). Auf extrem trockenwarmen Standorten wie Asche oder Kohlengrus zwischen den Gleisen wachsen kontinentale oder mediterrane Arten wie Rosen-Melde (Atriplex rosea), Besen-Radmelde (Bassia scoparia), Sand-Wegerich (Psyllium arenarium) oder Ungarisches Salzkraut (Salsola kali ssp. tragus), deren ursprüngliches Areal nicht bis nach Hannover reicht. Auch einige wärmeliebende Arten aus anderen Kontinenten stellen in Hannover spezifische „Bahnhofsarten“ dar, so etwa die nordamerikanischen Fuchsschwanzgewächse Weißer Amaranth (Amaranthus albus) und Westamerikanischer Amaranth (Amaranthus blitoides). Der sparsamere Einsatz von Herbiziden in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass selbst der Hauptbahnhof, der in der Vergangenheit botanisch unergiebig war, mittlerweile eine interessante Flora aufweist. Zum Beispiel siedelt zwischen Gleis 2 und 3 seit Jahren der Große Knorpellattich (Chondrilla juncea), eine Art der Trocken- und Wärmegebiete, die vom östlichsten Niedersachsen an auf Sandtrockenrasen wächst.

Der Große Bocksbart (Tragopogon dubius), früher in Niedersachsen weitgehend auf gestörte Trockenrasen im Südosten des Landes beschränkt und bis vor kurzem auf der Roten Liste, kam um 1990 auf zwei hannoverschen Bahnhöfen vor. Heute fehlt er, nach einer explosionsartigen Ausbreitung auch in anderen Landesteilen, wohl auf keiner hannoverschen Bahnanlage.

Die Flora der Industrieflächen ähnelt der Flora der Bahnanlagen, zumal die alten hannoverschen Industrie- und Hafengebiete wie etwa der Lindener Hafen immer von Gleisanlagen durchzogen sind. Besonders charakteristisch sind auch hier wärmeliebende Arten wie die verbreitete Loesel-Rauke (Sisymbrium loeselii) oder die stark gefährdete Echte Katzenminze (Nepeta cataria). Brachgefallene Industrieflächen wie das DEURAG-NERAG-Gelände können sich zu außerordentlich strukturreichen Lebensräumen aus ruderalen Wiesen, Magerrasen und Vorwäldern entwickeln.

Ausgesprochen urbane Kleinstlebensräume sind Pflasterflächen mit Pflasterritzenvegetation. Auch hier können bemerkenswerte wärmeliebende Arten gedeihen, und zwar eher zwischen dunklem Pflaster als zwischen hellen Steinen und eher auf großen Plätzen oder zwischen niedriger Bebauung als in engen, beschatteten Straßenschluchten. Neben verbreiteteren Arten wie dem Kahlen Bruchkraut (Herniaria glabra) und dem Kleinen Liebesgras (Eragrostis minor) können auch seltenere Pflanzen gefunden werden, etwa das Kleine Filzkraut (Filago minima) vor der Neustädter Kirche, das Norwegische Fingerkraut (Potentilla norvegica) am Operplatz oder der Australische Gänsefuß (Chenopodium pumilio) zwischen Galeriegebäude und Orangerie in Herrenhausen. Eine Pflanze mit besonders wechselvoller Geschichte ist der einheimische Dreifinger-Steinbrech (Saxifraga tridactylites). Ursprünglich wohl eine Art der Felsen, Erdanrisse und Trockenrasen fand sie in unserem Raum auch alte Mauerkronen als Ersatzlebensraum. Noch in den achtziger Jahren galt sie als stark gefährdet, besiedelte dann aber in rasantem Tempo Bahnschotterflächen, hatte 1990 bereits die Hälfte aller Bahnhöfe der Region, teilweise in Massenbeständen, erobert (FEDER 1990) und ist jetzt allgemein an Bahnanlagen verbreitet. Inzwischen ist sie auch nicht selten außerhalb von Bahnanlagen in Pflasterritzen zu finden, zum Beispiel auf dem Vorplatz der ehemaligen Bezirksregierung.

Mauerraute (Asplenium ruta-muraria, links) und Braunstieliger Streifenfarn (Asplenium trichomanes, rechts)
Ursprünglich an Felsen beheimatet, besiedeln die Mauerraute (Asplenium ruta-muraria, links) und der Braunstielige Streifenfarn (Asplenium trichomanes, rechts) ältere Mauern

Felsen sind auch die Herkunft von Pflanzen der Mauern. Vor allem an Ziegel-Vorgartenmauern in Stadtteilen mit hohem Anteil von Bauten aus den dreißiger Jahren (z.B. Südstadt, List, Herrenhausen) und in alten Dorfkernen wachsen noch die Farne Mauerraute (Asplenium ruta-muraria), Brauner Streifenfarn (Asplenium trichomanes) und Zerbrechlicher Blasenfarn (Cystopteris fragilis). Der Zerbrechliche Blasenfarn hat auch ein großes und altes Vorkommen an der Wasserkunst bei Limmer.

Gefärbtes Laichkraut (Potamogeton coloratus)
Zu den seltensten Pflanzenarten in Niedersachsen zählt das Gefärbte Laichkraut (Potamogeton coloratus), das fast ausschließlich in kalkreichen Gewässern im Osten Hannovers vorkommt.

Ein Kapitel für sich sind die Mergelgruben und Mergelkippen im Osten der Stadt, die durch die Zementindustrie und den Bau des Mittellandkanals entstanden sind. Trotz dieses Ursprungs stellen sie keinen Wuchsort für typisch urbane Arten dar, sondern wurden vor allem zum Ersatzlebensraum für Arten der historischen Kulturlandschaft. In den Mergelgruben konnten Pflanzen der kalkreichen, nährstoffarmen Sümpfe des Seckbruchs, die durch Industrie und Landwirtschaft vernichtet wurden, zum Teil überdauern. Besonders gefährdete Arten sind hier unter anderem Späte Gelb-Segge (Carex viridula), Stumpfblütige Binse (Juncus subnodulosus), Gefärbtes Laichkraut (Potamogeton coloratus), Bayerischer Löwenzahn (Taraxacum gelricum) und Sumpf-Dreizack (Triglochin palustre). Dagegen sind die beiden Mergelkippen in der Gaim Refugium für Arten der Kalk-Magerrasen wie Fransen-Enzian (Gentianella ciliata) oder Weidenblättriger Alant (Inula salicina).

Der Gefranste Enzian (Gentianella ciliata) wächst in Hannover nur noch auf Mergelaufschüttungen aus der Zeit des Mittellandkanalbaus
Der Gefranste Enzian (Gentianella ciliata) wächst in Hannover nur noch auf Mergelaufschüttungen aus der Zeit des Mittellandkanalbaus

Auch im Altwarmbüchener Moor wurde eine Kippe mit Mergelaushub vom Bau des Mittellandkanals angelegt, die heute allerdings überwiegend unter der Mülldeponie begraben liegt. Der noch verbliebene Rest hat teils den Charakter eines Kalksumpfes und teils eines Halbtrockenrasens. Vermutlich verschleppt mit Mergel von der Breiten Wiese, wo die Art früher vorkam, wächst im angrenzenden Moor die stark gefährdete Binsen-Schneide (Cladium mariscus), die hier ihr landesweit größtes Vorkommen hat.

Also alles bestens? - Lage der Artenvielfalt in der Stadt

Hannover beherbergt also eine Vielzahl von Wildpflanzen innerhalb seiner Stadtgrenzen. Ist die Stadt deshalb tatsächlich eine „Oase“ für wildlebende Arten?Hier darf zunächst einmal nicht der Fehler gemacht werden, die Artenzahlen eines Gebietes unmittelbar als Maß für seine Bedeutung aus Naturschutzsicht zu nehmen. Dies leuchtet schnell ein, wenn man sich vor Augen hält, dass etwa ein unberührtes Hochmoor - in Mitteleuropa leider nur noch eine theoretische Vorstellung - zu den artenärmsten und eine Mülldeponie zu den artenreichsten Lebensräumen für Wildpflanzen gehören. Um Lebensräume anhand von Artenzahlen zu bewerten, können deshalb, möglichst mit standardisierten Methoden, nur ähnliche Lebensraumtypen verglichen werden, zum Beispiel zwei Wiesen mit gleichen Standortverhältnissen. Auch dann ist aber zu bedenken, dass Störungen in einem Lebensraum bis zu einem gewissen Grad die Zahl der Pflanzenarten ansteigen lassen. Zwar sind Störungen, etwa Verletzungen der Grasnarbe, nicht generell negativ zu werten; sie sind aber ebenso wenig ein Wert an sich. Artenzahlen sind daher als Wertmaßstab mit Vorsicht zu verwenden.

Der seltene Weidenblättrige Alant (Inula salicina) besiedelt sowohl wechselfeuchtes Grünland als auch Halbtrockenrasen
Der seltene Weidenblättrige Alant (Inula salicina) besiedelt sowohl wechselfeuchtes Grünland als auch Halbtrockenrasen

Der Befund, dass in Städten die Artenzahl der Blüten- und Farnpflanzen (eigentlich nur der Blütenpflanzen) größer als im Umland ist, kann auch nicht einfach auf andere Artengruppen übertragen werden. Schon bei Moosen, Flechten und Pilzen sind die Artenzahlen im Stadtgebiet kleiner (WITTIG 2002). Ein wesentlicher Grund für die bessere Situation der Blütenpflanzen ist vermutlich eine insgesamt geringere Empfindlichkeit gegenüber trockenwarmen Standortverhältnissen.

Noch weniger lässt sich das zunächst positive Ergebnis allgemein auf Tiere übertragen. In Hinblick auf Tagfalter etwa kann Hannover als verarmt angesehen werden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sind 54 % der Tagfalterarten im Stadtgebiet ausgestorben. Anders als bei Blüten- und Farnpflanzen sind dabei fast alle Arten der höheren Gefährdungskategorien der niedersächsischen Roten Liste verschwunden (LOBENSTEIN 1990). Insgesamt scheinen bei Insekten die Artenzahlen in Städten geringer als in der Umgebung zu sein; jedenfalls war dies das Ergebnis von Untersuchungen in Warschau und Leipzig. Andererseits lassen sich bei Vögeln relativ viele Arten, darunter auch gefährdete Arten, in Städten nachweisen (ERZ & KLAUSNITZER 1998).

Um ein Gebiet auf Dauer besiedeln zu können, müssen kleine Tiere mit kurzer Lebensdauer sich Jahr für Jahr erfolgreich fortpflanzen. Die Chance, dass diese Generationenkette auch in ungünstigen Jahren nicht abreißt ist nur dann gut, wenn der Lebensraum groß ist oder wenn er immer wieder von außen neu besiedelt werden kann. Wenn die Tiere nicht sehr ausbreitungsfähig sind, setzt das eine gute Vernetzung ihrer zerstreuten Vorkommen voraus. Städtische Lebensräume sind aber, im Vergleich zur freien Landschaft, eher kleinteilig und zersplittert. Sie sind außerdem stärker durch versiegelte und befahrene Flächen voneinander isoliert. Für Tierarten mit enger Bindung an bestimmte Biotoptypen, die gleichzeitig bei Größe und Vernetzung ihrer Lebensräume anspruchsvoll sind, ist die Stadt ein schlechter Ort. 

Acker-Gelbstern (Gagea villosa)
Blühender Acker-Gelbstern (Gagea villosa) im Großen Garten; an den meisten hannoverschen Wuchsstellen kommen die Pflanzen aber nicht zur Blüte.

Die meisten Pflanzenarten sind dagegen nicht zwingend darauf angewiesen, jährlich eine neue Generation zu erzeugen, sondern sind langlebig oder können mehr oder weniger lange keimfähig bleibende Samenvorräte im Boden bilden. Manche ausdauernden Arten können Jahrzehnte, vielleicht auch Jahrhunderte, an einem Wuchsort existieren, ohne sexuell zu reproduzieren. So kommt der Acker-Gelbstern (Gagea villosa) in Hannover fast ausschließlich in über hundert Jahre alten Grünanlagen vor und bildet vermutlich ein Relikt der vorher dort vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen. An den meisten Wuchsstellen sind niemals Blüten zu finden und die Pflanze verjüngt sich allein durch Tochterzwiebeln, also durch Klone. Wegen dieser Beharrungskraft, die viele Pflanzen auszeichnet, wenn sie sich erst einmal an einem Wuchsort etabliert haben, können auch kleinste isolierte Vorkommen möglicherweise lange existieren und zu langen Artenlisten beitragen. Hier liegt einer der Gründe dafür, dass Blütenpflanzen in der Stadt nach der Statistik noch vergleichsweise gut dastehen.

Frühlings-Segge (Carex caryophyllea)
Zu Tausenden wächst die kleine Frühlings-Segge (Carex caryophyllea) an der Graftböschung im Großen Garten.

Wie geht es weiter? - Zukunft der Pflanzenartenvielfalt in Hannover

Trotz aller Vorsicht bei der Bewertung bleibt die Tatsache bestehen, dass in Hannover recht viele Pflanzenarten vorkommen, darunter ebenfalls viele, die für den Artenschutz von besonderem Interesse sind. Wie sieht es mit der Zukunft dieses Reichtums aus?

Hier muss zunächst festgestellt werden, dass sich auch bei Blüten- und Farnpflanzen die Artenzahlen bisher negativ entwickelt haben. So sind seit den ersten Dokumentationen zur Flora von Hannover seit etwa 1800 im heutigen Stadtgebiet 248 Arten (21 %) verschwunden. Neu eingewandert sind demgegenüber nur 69 Arten, und zwar überwiegend Arten, die für Niedersachsen nicht heimisch sind (WILHELM & FEDER 1999).

Um die weitere Entwicklung abzuschätzen, muss man sich vor Augen halten, dass viele in Hannover nachgewiesene Arten nur ein sehr kleines Vorkommen haben, was allgemein ein hohes Aussterberisiko bedeutet. Viele Arten besitzen außerdem einen ausgesprochenen Reliktcharakter und können, wenn ihre Wuchsorte vernichtet werden, sich nicht wieder spontan ansiedeln. So könnte zum Beispiel die Frühlings-Segge (Carex caryophyllea) nach einer etwaigen Zerstörung ihrer Vorkommen im Großen Garten sich nicht neu etablieren, da heute wohl alle anderen früheren Wuchsstellen im Stadtgebiet zerstört sind.

Der Braunstielige Streifenfarn (Asplenium trichomanes) würde nach Abriss und Neubau einer Mauer nicht wiederkehren, da heutige Mörtel von Mauerfarnen nicht mehr besiedelt werden können. Und schließlich ist für manche Arten eine bisher unaufhaltsame negative Entwicklungstendenz unübersehbar. So hatte das Breitblättrige Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) 1990 im Stadtgebiet noch sechs Vorkommen mit insgesamt etwa 160 Pflanzen; heute sind wohl nur noch zwei Vorkommen mit weniger als zehn Exemplaren übrig. Der Grund liegt hier vor allem in der Aufgabe der Beweidung auf bisherigen Pferdeweiden. Aus diesen und weiteren Gründen werden Verluste von Wildpflanzenarten - selbst bei Bemühungen und gutem Willen - auch in Zukunft wohl nicht ausbleiben.

Breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) auf einer Pferdeweide bei Isernhagen-Süd; nach einer Umstellung auf Mahd ist die Orchidee hier verschwunden.

Andererseits sind auch positive Entwicklungen zu vermelden. Die Stadt Hannover hat im „Maßnahmenprogramm zur Freiraumentwicklung in den Landschaftsräumen Hannovers“ mit einer Vielzahl großer und kleiner Einzelprojekte versucht, die Artenvielfalt zu fördern. Einige Maßnahmen waren sehr erfolgreich, zum Beispiel auf dem Kronsberg die Neuentwicklung von Kalkmagerrasen mit Hilfe von Saatgutübertragung aus der näheren Umgebung. Die Ergebnisse mancher anderer Projekte sind noch enttäuschend, so etwa auf der Breiten Wiese, wo artenreiches Feuchtgrünland entwickelt werden sollte, was bisher misslungen ist. Anzuerkennen ist aber in jedem Fall, dass die Stadt es als eigene Verpflichtung ansieht, aktiven Naturschutz zu betreiben. Bekräftigt wurde diese Position im Herbst 2005 mit dem Beschluss, ein Biodiversitätsprogramm für das Stadtgebiet aufzulegen.

Als ein Fazit der Misserfolge und Erfolge des Naturschutzes in Hannover kann gezogen werden, dass „Natur der vierten Art“, etwa in den Fällen Südbahnhof oder Langenhagen-Barracks, bisher am wenigsten gegen Bauprojekte verteidigt werden konnte. Die Stadtplanung beruft sich dabei auf den Leitsatz, dass es ökologisch besser sei, innerstädtische Brachen zu bebauen als Äcker am Stadtrand zu opfern. Dieser Vorrang der „Innenerschließung“ vor der „Außenerschließung“ wird aber durch die Ergebnisse der Untersuchungen zur Natur in der Stadt längst nicht mehr gestützt. Zwar ist der Wunsch nachvollziehbar, Brachen wieder wirtschaftlich zu nutzen; erschreckend ist aber die Tabula-rasa-Mentalität, mit der bunte und artenreiche Gehölz- und Ruderalvegetation abgeräumt wird, statt sie zumindest in nennenswerten Teilen im Baugebiet zu integrieren. Erst recht gibt es in Hannover kaum Ansätze, größere städtische Brachflächen planungsrechtlich abzusichern. Während traditionelle Grünflächen, die mehr oder weniger ein symbolisches Abbild der Landschaft außerhalb der Stadt darstellen, allgemeine Wertschätzung genießen, wird die „spezifisch städtische, erst durch die Stadtentwicklung entstandene und von ihr abhängige Natur von den meisten Stadtbewohnern nicht als ‚wirkliche Natur der Stadt’ erkannt“ (KOWARIK 1992). Hier ist ein Umdenken überfällig.

Literatur

BRANDES, D. & D. ZACHARIAS (1989): Korrelation zwischen Artenzahlen und Flächengrößen von isolierten Habitaten, dargestellt an Kartierungsprojekten aus dem Bereich der Regionalstelle 10 B. - Flor. Rundbr. 23: 141-149.

ERZ, W. & B. KLAUSNITZER (1998): Fauna. - In: SUKOPP, H. & R. WITTIG (Hrsg.): Stadtökologie. 266-315. Stuttgart.

FEDER, J. (1990): Flora und Vegetation der Bahnhöfe Hannovers. - Ber. Naturhist. Ges. Hannover. 132: 123-149.

FEDER, J. & G. WILHELM (1995): Gefährdete Gefäßpflanzen im Stadtgebiet von Hannover. - Ber. Naturhist. Ges. Hannover. 137: 161-182.

GARVE, E. (1994): Atlas der gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen in Niedersachsen und Bremen. (Naturschutz und Landschaftspflege in Niedersachsen. 30/1-2) Hannover.

GARVE, E. (2004): Rote Liste und Florenliste der Farn- und Blütenpflanzen in Niedersachsen und Bremen. 5. Fassung, Stand 1. 3. 2004. - Inform.d. Naturschutz Niedersachs. 24: 1-76.

HAEUPLER, H. & P. SCHÖNFELDER (1989): Atlas der Farn- und Blütenpflanzen der Bundesrepublik Deutschland. 2. Aufl. Stuttgart.

KOWARIK, I. (1992): Das Besondere der städtischen Flora und Vegetation. In: Natur in der Stadt. Der Beitrag der Landespflege zur Stadtentwicklung. (Schriftenr. Deutscher Rat Landespfl. 61) 33-47. Bonn.

KOWARIK, I. (1998): Historische Gärten und Parkanlagen als Gegenstand eines Denkmal-orientierten Naturschutzes. - In: KOWARIK, I. et al. (Hrsg.): Naturschutz und Denkmalpflege. Wege zu einem Dialog im Garten. 111-139. Zürich.

LANDESHAUPTSTADT HANNOVER (1990): Landschaftsrahmenplan. Hannover
LOBENSTEIN, U. (1990): Zur Bestandsentwicklung der Schmetterlingsfauna (Macrolepidoptera) im Stadtgebiet von Hannover. - Ber. Naturhist. Ges. Hannover. 132: 207-234.

REICHHOLF, J. (2006): Der Tanz um das goldene Kalb. Der Ökokolonialismus Europas. Berlin.

WILHELM, G. (2005): Wildwachsende Gefäßpflanzen im Großen Garten von Hannover-Herrenhausen. - Ber. Naturhist. Ges. Hannover: 147, 37-84.

WILHELM, G. & J. FEDER (1999): Die Gefäßpflanzenflora der Stadt Hannover. - Ber. Naturhist. Ges. Hannover. 141: 23-62.

WITTIG, R. (2002): Siedlungsvegetation. Stuttgart.

Dieser Beitrag erschien zuerst 2006 in der Jubiläumsausgabe des HVV-Info, der Zeitschrift des Hannoverschen Vogelschutzvereins von 1881 e. V.

Alle Fotos: Georg Wilhelm (außer Wilde Tulpe, Foto von Sibylle Maurer-Wohlatz)



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