Wiedervernässung in der südlichen Eilenriede

Graben in der südlichen Eilenriede
Graben in der südlichen Eilenriede

Das Verdursten der nassen Wälder

Die Entwässerung von Wäldern gehört in Mitteleuropa zu den größten Beeinträchtigungen von Waldökosys­temen. In Bereichen der früher weit verbreiteten Nasswälder finden sich kaum noch größere Flächen, die nicht von Gra­bensystemen durchzogen sind. Waldtypen nasser Standorte wie Erlenbruchwälder oder nasse Hainbuchenwälder zählen zu den am stärksten gefährdeten Waldbiotopen überhaupt.

Auch die hannoverschen Stadtwälder machen hier keine Ausnahme. So lassen sich in der südlichen Eilenriede auch noch in neuerer Zeit Verschlechterungen der Wasserversorgung nachweisen. Nasse Eichen-Hainbuchenwälder, die 1946 in einer Kartierung der Vegetationskundler Lohmeyer und Ellenberg noch relativ gut vertreten waren, sind heute kaum noch mit ihren typischen Arten vorhanden. Beispielsweise sind die damals noch stetigen gefährdeten Nasswaldarten Bach-Nelkenwurz (Geum rivale) und Winter-Schachtelhalm (Equisetum hyemale) selbst in den feuchtesten Bereichen in der Fläche verschwunden. Auch bei der Fauna lässt sich der Ausfall vieler Arten nasser Wälder nachweisen.

Entwässerungsgräben in der Eilenriede

Zu dieser Verschlechterung haben, neben großräumiger Veränderungen der Grund­was­ser­verhältnisse, die Gräben in der südlichen Eilenriede beigetragen. In der Vergangenheit ist ein durchgehendes Grabensystem vom Gebiet westlich des Kirchröder Turms in Richtung Pferde­turm angelegt worden. Diese Gräben, die, bis auf einen selten wirksamen Überlauf in den Landwehrgraben im Süden, keine Verbindung zu Vorflutern haben, führen praktisch dazu, dass bei hohen Wasserständen vor allem im Winter und Frühjahr das Wasser aus den Nasswaldflächen in den Inselgraben im tiefer gelegenen Westen der südlichen Eilenriede geleitet wird, wo es versickert. Das Ergebnis ist eine Beseitigung von Standortunterschieden, die aber gerade die Vielfalt und den Wert des Waldes ausmachen. Im Osten gehen nasse Standortverhältnisse verloren; im Westen sind dagegen die Grund­wasser­flurabstände so hoch, dass keine oberflächennah vernässten Standorte entstehen können.

Seit langem hatte die BUND-Kreisgruppe deshalb vorgeschlagen, dieses innere Entwässerungssystem der südlichen Eilenriede durch Staumaßnahmen außer Funktion zu setzen. Gefördert wurde unser Anliegen noch durch die Zertifizierung des hannoverschen Stadtwaldes, denn die Richtlinien für nachhaltige Forstwirtschaft der Organisation FSC verbieten die Anlage und Unterhaltung von Gräben zur Flächenentwässerung. Seit 2002 nahm die Stadtverwaltung unsere Anregung auf und baute in den folgenden Jahren einige Staue.

Erste Erfolge dieser Maßnahme waren überraschend schnell zu beobachten. Das Wasser wurde im Frühjahr länger in den Nasswaldbereichen gehalten. Seltene Pflanzenarten wie der Sumpf-Pippau (Crepis paludosa) und Dünnährige Segge (Carex strigosa) breiteten sich wieder aus. Amphibien wie Grasfrosch und Bergmolch profitierten davon, dass die Waldtümpel nicht so schnell austrockneten.

Im Winter 2007/2008 wurde die Wiedervernässung dann zum Politikum. Die höchsten Winter-Niederschläge seit 1928 sorgten in verschiedenen Teilen der Stadt für nasse Keller. Während anderswo nur der Himmel dafür verantwortlich gemacht werden konnte, waren für viele Anlieger der Eilenriede in Kleefeld die Wiedervernässungsmaßnahmen schuld. Tatsächlich ist ein Zusammenhang jedoch ausgeschlossen, schon deshalb, weil zwischen Eilenriede und Kleefeld ein tiefer Entwässerungsgraben, der Wolfsgraben, verläuft, der eine Ausbreitung oberflächennahen Wassers nach Norden verhindert.

Malaria als Naturschutzziel?

Das Thema kochte endgültig hoch, als die Hannoversche Allgemeine und ihre Stadtteilzeitung, der Stadtanzeiger Süd, unter dem Motto „Wiedervernässung schlägt hohe Wellen“ unzutreffende Informationen über das Projekt verbreiteten. Die Zeitungen erweckten den Eindruck, der gesamte Wald solle unter Wasser gesetzt werden, so dass die Rotbuchen absterben und ein Erlenbruchwald entsteht, wie es ihn vielleicht im Mittelalter einmal gegeben hat und der zum Namen „Eilenriede“ (Ellernried = Erlensumpf) geführt hat. Die Berichterstattung gipfelte in der Frage: „Ist es richtig, dass die Stadt die Eilenriede wieder zum Erlenwald machen will oder sollte der Stadtwald bleiben, wie er ist?“ Selbst dem Naturschutz aufgeschlossene Leserinnen und Leser äußerten sich ablehnend und teilweise aufgebracht wegen dieser angeblichen Pläne der Naturschützer. Die BUND-Kreisgruppe Region Hannover, die sich hinter die Verwaltung stellte, erhielt teilweise sogar Schreiben mit Beschimpfungen und mit Beschuldigungen, wonach wir für großflächiges Absterben des Waldes und für zukünftige Malariaepidemien verantwortlich seien.

In Wirklichkeit machen die Wiedervernässungsflächen nur etwa 12 Hektar der etwa 650 Hektar großen Eilenriede aus. Es handelt sich hier im Wesentlichen nicht um Bestände von Rotbuchen, sondern von Eichen, Eschen und Hainbuchen, die gut an die früheren und jetzt wiederhergestellten feuchten Verhältnisse angepasst sind. Zwar waren tatsächlich Buchen umgestürzt oder wurden am Rand eines Spielplatzes vorsorglich gefällt. Bei den umstürzenden Bäumen handelte es sich aber um Einzelfälle, die es auch vor der Wie­dervernässung gab, in manchen Jahren sogar in deutlich größerem Umfang, so zum Beispiel in dem trockenen Sommer 2003. Noch viel gravierender waren die regelmäßigen Verluste an Bäumen und Fahrschäden durch Fahrzeuge zu Zeiten, als hier noch Holznutzung betrieben wurde; der wiedervernässte Bereich liegt heute vollständig in den Naturwaldflächen der Eilenriede, wo keine forstwirtschaftliche Nutzung mehr stattfindet.

Sinn der Maßnahmen ist auch auf diesen Flächen nicht, einen Erlenbruchwald zu entwickeln. Ein Erlenbruchwald benötigt dauernd hohe Wasserstände. Dagegen ist die vorhandene Waldgesellschaft hier ein nasser Eichen-Hainbuchenwald. In der Kartierung von 1946 sind die nassen Eichen-Hainbuchenwälder der südlichen Eilenriede als Wälder beschrieben, die in Senken mit gehemmtem Wasserabfluss liegen, die im Winter und Frühjahr oft lange überschwemmt sind, im Sommer aber in den oberen Bodenschichten meist abtrocknen. Die Staue sollten nur ein unnatürlich schnelles Abfließen des Wassers im Frühjahr bremsen, so dass die Wasserverhältnisse dem natürlichen Zustand wieder stärker angenähert wären.

Tatsächlich sanken auch im Frühjahr 2008 die Wasserstände wieder deutlich ab und die Verhältnisse wurden im Sommer unauffällig. Die herbei geschriebene Empörung verstummte erstaunlich schnell. Vom Herbst 2008 bis in den Spätsommer 2009 setzte eine besorgniserregende Trockenheit ein, die die Aufregung um die Wiedervernässung vorerst ganz vergessen ließ.

Georg Wilhelm

Foto: Sibylle Maurer-Wolatz

 



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