Bodenfruchtbarkeit und Terra Preta Kulturtechnik

In den letzten Jahren hat sich weltweit eine engagierte Szene von Wissenschaftler*innen, Bäuer*innen, Gärtner*innen und Urban-Garding-Aktivist*innen vernetzt, um eine uralte Technik wieder zu beleben. Diese Bewegung versteht sich als Alternative zu eine agroindustriellen Landwirtschaft, die mit Glyphosat, Chemiedünger und vielfältigen anderen Pestiziden glaubt, die Ernährungssicherheit der Menschheit zu sichern. Die Stärkung der bäuerlichen Landwirtschaft, die Ertragssteigerung und deren Unabhängigkeit von teuren Düngemitteln ist dabei das wesentliche Ziel.

Zugleich ist dieses Netzwerk gewachsen und hat sich den unterschiedlichsten Fragestellungen angenommen, wozu auch die Erhaltung der bedrohten Biodiversität der Tier- und Pflanzenwelt  ebenso wie der Bodenlebewesen in und auf Agrarböden gehört. Dazu gehören auch alte und neue Erkenntnisse verschiedenster Methoden Gartenbau und Landwirtschaft zu betreiben. Dazu gehört auch die no till - pfluglos- Bewegung, (nur in Deutschland noch wenig verbreitet), die allerdings vielerorts (noch) nicht auf den Einsatz von Herbiziden verzichten wollen. Doch auch hier ist Bewegung.

Wichtig ist auch die zunehmende Erkenntnis, dass ein sehr großer Anteil der Agrarböden nicht für die menschliche Ernährung, sondern zur Produktion von sogenannten "Bio"-Treibstoffen oder Futtermitteln für die intensive Tierhaltung belegt wird. Welche dramatischen Auswirkungen das auf die Kleinbauern in Südamerika hat und auf die Vernichtung wertvoller Regen- und Urwälder, hat uns unser Partnerverband in Paraguay von Friend of the Earth eindrücklich vorgestellt.

Aber auch bei uns sind immernoch viele Biogasanlagen in Betrieb, die zum überwiegenden Anteil mit Mais gefüttert werden, weil er die größte Energieausbeute erbringt, statt auf den Äckern Lebensmittel anzubauen. Das Artensterben durch Verlust von Lebensräumen stellt hier ein zusätzliches Problem dar. Aber auch dazu gibt es Alternativen, zumindest für die Restlaufzeit dieser Anlagen.

 

 

Permakulturfarm Bec Hellouin

Vorzeigeprojekte wie die Farm Bec Hellouin in Frankreich zeigen jedoch, dass auf kleiner Fläche eine enorme Menge Obst und Gemüse erzeugt werden kann, wenn nach dem Prinzip der Permakultur und auch mit Hilfe von Terra Preta gewirtschaftet wird. Die von Charles und Perrine Hervé-Gruyer geschaffene Bec Hellouin Farm in der Normandie wird seit 2003 bewirtschaftet und ist Magnet für interessierte Wissenschaftler*Innen und Gärtner*innen, die Alternativen zu industrieller Landwirtschaft untersuchen und suchen.

Da hier auf den Einsatz von fossilen Energien verzichtet wird und ausschließlich mit zum Teil neu entwickelten Gartenwerkzeugen gearbeitet wird und natürliche Kreisläufe auf den 1.4 Hektar Fläche geschlossen werden, ist der Betrieb außerordentlich klimafreundlich. Es stellt sich die interessante Frage, wie wirtschaftlich diese Farm ist. Es wurde ermittelt, dass jeder Quadratmeter rund 55 € pro Jahr erwirtschaftet und die dort Beschäftigten gut davon leben können. Und der Ertrag ist drei- bis viermal so hoch wie im konventionellen Gemüsebau. Das Geheimnis ist, dass durch die ausgefeilten Mischkulturen, Nachkulturen und die Kombination von Agroforst, Obst- und Gemüseanbau sowie Tierhaltung sich die Pflanzen gegenseitig stärken und von dem kontinuierlichen Humusaufbau und damit aktiven Bodenleben profitieren.  Zudem verstärken alte Kulturformen (Hügelbeete, Terra Preta, Pferdemistbeete) und das Mulchen und Bodenbedecken diesen Prozess.

Bodenfruchtbarkeit und Regenerative Landwirtschaft

Humusaufbau ist einer der wesentlichen Faktoren für die Bodenfruchtbarkeit. Das haben die alten Terra Preta Böden Amazoniens gezeigt, wo noch nach 500 Jahren Humusgehalte vorhanden sind, die in den "normalen" Böden der Tropen nicht einmal ansatzweise zu finden sind. Bis heute sind diese Böden, wenn sie von Kleinbauern in traditioneller Agroforst-Gartenkultur bewirtschaftet werden, extrem ertragreich.

Doch so einfach ist es nicht: Einfach nur Kohle in den Boden bringen und dann auf hohe Erträge hoffen, funktioniert nicht. Der Boden ist ein komplexes System. Wie kann ich mich damit vertraut machen und Schritt für Schritt lernen, wie mein Gartenboden oder mein Acker fruchtbar und ertragreich wird bei zugleich geringst möglichem Einsatz von Düngemitteln und im idealen Fall ohne alle Pestizide? Hier helfen sicherlich die Erfahrungen aus der Permakultur und vor allem der sehr praktisch orientierte Ansatz der Regenerativen Landwirtschaft. Dazu ist ein Handbuch mit dem Titel "Regenerative Landwirtschaft - Bodenleben und Pflanzenstoffwechsel verstehen" erschienen, in dem Dietmar Näser - seit 40 Jahren praktizierender Agraringenier - seine Erfahrungen in sehr kompakten Anleitungen vorstellt. Ein Netzwerk von Agrarberatern "Grüne Brücke"und "Ich mache Boden gut" sind gute Ansprechpartner*innen für alle diejenigen, die sich hier informieren und fortbilden wollen. Das Bestechende an der Regenerativen Landwirtschaft ist, dass ALLE, egal ob Bio-Betrieb oder konventionell davon profitieren können. Denn auch wenn Humusaufbau seine Zeit braucht, lässt sich Boden mit gezielten Maßnahmen schnell beleben und auch die Resultate stellen sich schnell ein. Um zu erfahren, wie gut es meinen Pflanzen geht, kann ein Blattsaft-Test helfen, den auch (Klein)-Gärtner*innen leicht anwenden können, wie wir aus eigener Erfahrung wissen. 

Humustage in Kaindorf Österreich

Humus-Netzwerke - die sich regelmäßig zum Austausch treffen - aus Wissenschaft, Landwirtschaft und Gartenbau, Studierenden, interessierten  Laien oder Agrarberatung sind ein lebendiges Beispiel dafür, dass alternative Methoden in der Landwirtschaft eine Chance haben, ernst genommen zu werden. Wer einmal dabei ist, will immer wieder kommen. Sich miteinander solidarisch und kritisch darüber auszutauschen, was genau hilft, um meinen Boden wieder humsusreich und fruchtbar in überschaubar kurzer Zeit zu bekommen und diesen Level auch zu halten, wenn nicht sogar zu verbessern, ist für viele Landwirt*innen ein großes Anliegen. Bei den Humustagen in Kaindorf geschieht dies jedes Jahr Ende Januar. Besonders erfolgreich sind auch Humus-Stammtische, wo sich einmal im Monat die Ländwirt*innen zum Austausch treffen und miteinander ihre Erfahrungen teilen. So etwas wäre überall möglich.

Mit Gerald Dunst als Motor bekommt das Thema Humusaufbau mit großer Austrahlung über die Grenzen Österreichs Gewicht. Hier sei auf die überarbeitete Version seines Buchs "Humusaufbau - Chance für Landwirtschaft und Klima" verwiesen.

Interessengemeinschaft gesunder Boden

Das Ziel des gemeinnützigen Verein IG gesunder Boden mit Sitz in Regensburg ist der Aufbau von gesunden Böden als Grundlage für gesunde Pflanzen, Tiere und Menschen. Durch ein überregionales Netzwerk von Praktikern findet ein Wissensaustausch mit dem Ziel statt, gesunde, lebendige und humusreiche Böden aufzubauen, die hochwertige Pflanzen und Lebensmittel hervorbringen. Neben der Vermeidung von Nährstoffverlusten, der Förderung der Bodenbiologie und der Umsetzung der richtigen Bodennährstoffverhältnisse, steht der Aufbau von Dauerhumus im Fokus. Denn Boden ist Leben - und je gesünder, lebendiger und humusreicher der Boden, desto höher die Qualität der Lebensmittel. Zum alljährlichen Bodentag im November gibt es interessante Referate zu vielfältigen Themen. 

Die Tagung Humusaufbau 2018 in Hannover hat der BUND gemeinsam mit der IG gesunder Boden durchgeführt.

Weltweites Netzwerk Terra Preta

Während in Deutschland es immernoch Blockaden gibt, Pflanzenkohle als Trägerstoff für Düngemittel allgemein zuzulassen, ist die Anwendung weltweit bereits verbreitet: In Asien ebenso wie in den USA, in Australien, in Afrika oder natürlich von Mittel- bis Südamerika ist diese alte Kulturtechnik im Aufwind. Weltweit erforschen Wissenschaftler die enormen Potentiale von Pflanzenkohle (biochar) nicht nur zur Erhöhung der Humusgehalte und Bodenfruchtbarkeit, sondern auch, um Schadstoffe effektiv zu binden, Wasser zu reinigen oder Pflanzenkohle als Baustoff einzusetzen, beispielsweise um Zement leichter und effizienter zu machen. Auch die Pyrolisierung von Klärschlamm hilft, organische Schadstoffe wie Pestizide, Medikamentenrückstände u.a. zu zerstören und gleichzeitig wertvolles Phosphat wieder verfügbar zu machen und den Kohlenstoff aus dem Klärschlamm - statt ihn zu verbrennen - wieder in den Boden zu bringen. Weltweit sind Wissenschaft und Anwender im IBI - International Biochar Initiative - zusammengeschlossen; in Deutschland im Fachverband Pflanzenkohle.

Uns interessiert hier vor allem der Boden: Mit Hilfe der Terra Preta - Technik zeigen die vielen Akteure des weltweiten Netzwerkes, wie auf kleiner Fläche hohe Erträge erwirtschaftet werden können und dabei alle organischen Stoffe im Kreislauf geführt werden. Pflanzenkohle, die möglichst aus dem jährlichen Heckenschnitt (Landschaftspflege), Holz aus Sturmschäden, dem Fällen invasiver Gehölze (zum Beispiel in tropischen Ländern) oder anderer unbelasteter organischen Resten durch Pyrolyse hergestellt wird, spielt dabei eine zentrale Rolle. Ein System, das weltweit fast preisneutral die eigene Herstellung von Pflanzenkohle ermöglicht, ist das von Hans-Peter Schmidt und Kollegen entwickelte KonTiki-System. Zwei Jahre lang wurde es in vielen kleinbäuerlichen Regionen Nepals in verschiedenen klimatischen Zonen praktisch getestet und hat sensationelle Erfolge erbracht.

Nach der Herstellung von Pflanzenkohle z.B. in einer KonTiki wird sie in einem zweiten Schritt aufgeladen: Entweder indem sie mit wertvollem flüssigen Dünger (oder Gülle, Urin) abgelöscht wird oder mit sonstigen organischen Abfällen (Gemüsereste, Rasenschnitt, Mist, Laub) kompostiert wird und so reift und mit Nährstoffen aufgeladen wird. Die große Oberfläche von Pflanzenkohle und ihre besonderen Eigenschaften binden Nährstoffe in großer Menge und bieten zudem Mikroorganismen wie Pilzen ein Habitat, die das Bodenleben fördern. Neben dem Speichereffekt für Nährstoffe (Stickstoff (N), Phosphat, Kalium, Calcium u.a.) wird insbesondere in sandigen Böden die Wasserhaltefähigkeit verbessert. Durch die Mitkompostierung von Pflanzenkohle entstehend Pflanzenkohle-Ton-Humus-Komplexe, die entscheidend den Boden verbessern. 

Da am Anfang in der Regel immer nur wenig wertvolle aufgeladene Pflanzenkohle zur Verfügung steht, ist es sinnvoll, diese gezielt einzusetzen: Nicht dünn über eine große Fläche streuen, sondern konzentriert und gezielt z.B. in die Saatrillen von Mais; als Unterfußdüngung von Kartoffeln, Zwiebeln oder Obstbäumen.

Die Anwendung der Terra Preta-Technik ist für viele Klimazonen sinnvoll und möglich; nicht - wie ursprünglich gedacht - nur in tropischen Zonen. Bereits in Klostergärten, bei den Vikingern und vielen anderen Kulturen gab es darüber viel Wissen. Dies ist aber offensichtlich vielerorts verloren gegangen ist und wird nun durch Wissenschaftler an vielen Orten wieder entdeckt und erforscht.  

Es ist also auch eine hervorragende Chance für unsere gemäßigten Zonen, um organische Stoffe im Kreislauf zu führen und um auf den Einsatz von Chemie weitestgehend zu verzichten. Gerade deshalb werden diese uralten - neuen Ideen von denjenigen besonders bekämpft, in Frage gestellt, verunglimpft und kritisiert, die Sorge haben, dass sie dauerhaft hier einen Absatzmarkt verlieren könnten!

Welche Chancen in unseren Klimazonen der Einsatz von Pflanzenkohle hat zeigen folgende Links:

Whitepaper: Pflanzenkohle in der Tierfütterung

Nährstoffbindung in Gülle

Chiemgauer Schwarzerde

Sonnenerde - Kompostwerk und Pflanzenkohle in Österreich

Terra Preta Herstellung im Garten

Bei Rückfragen: smw@nds.bund.net 



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