Inzwischen sind im Zuge der Maßnahmen auf beiden Seiten der Lenther Chaussee Laichgewässer und bewaldete Landlebensräume als notwendige Teillebensräume der Erdkröte vorhanden - warum wollen die Kröten also immer noch die Straße überqueren?
Weniger wegen der immer wieder beschworenen Laichplatztreue der Art, denn so treu ist sie ihrem Geburtsgewässer durchaus nicht: Auch im Untersuchungsgebiet zeigte sich, dass ein erst eineinhalb Jahre altes Gewässer bereits von mehreren hundert Erdkröten als Laichgewässer angenommen wird. Der Grund liegt vielmehr in dem Umstand, dass die Jungtiere der Erdkröte mehr oder weniger ungerichtet von ihrem Geburtsgewässer in die Umgebung streuen. Wenn sie es dabei schaffen, lebend die Lenther Chaussee zu überqueren und geeignete Nahrungs- und Überwinterungslebensräume zu finden, werden sie in der Regel im Alter von drei bis vier Jahren geschlechtsreif und machen sich auf den Weg zu ihrer - auch unter natürlichen Bedingungen - häufig einzigen Laichplatzwanderung. Falls sie nicht ein neues, geeignetes Gewässer finden, wandern sie zurück zu dem Laichplatz, den sie mit Sicherheit kennen, nämlich ihrem Geburtsgewässer. Dabei müssen sie unter Umständen wiederum die Lenther Chaussee überqueren - und landen hoffentlich vorher im Eimer ...
So unangenehm die Erkenntnis ist: Die seit 25 Jahren durchgeführte Krötenzaunaktion an der Lenther Chaussee sichert nur den Status quo, sie wird nicht zu einer langfristigen Entschärfung der Problematik führen. Ziel des Naturschutzes muss es deshalb sein, eine dauerhafte Lösung zum Schutz der Amphibien zu erreichen. So wären die Tiere auch während der Rückwanderung im Laufe des Sommers und Herbstes vor dem Verkehr geschützt. Statt einer arbeitsintensiven Betreuung eines mobilen Krötenzauns könnten dann die Naturschützer sich um die Pflege der Amphibienbiotope, Hecken und Wiesen kümmern.
Lösungsansätze
Bei einem Treffen des BUND mit Vertretern des Grünflächenamtes der Stadt Hannover (heute Fachbereich Umwelt und Stadtgrün der Landeshauptstadt Hannover), der Unteren Naturschutzbehörde der Region sowie dem Landesamt für Ökologie (heute NLWKN) wurden daher verschiedene Lösungsansätze diskutiert. Dabei war allen Beteiligten klar, dass nur dauerhafte Sperr- und Amphibienschutz-Einrichtungen sowie ein Krötentunnel an der Lenther Chaussee eine nachhaltige Entschärfung der Situation bringen können.
Technisch stellt eine solche Lösung kein Problem dar, der Haken ist allerdings der hohe Preis: Voraussichtlich sind mehr als 100.000 Euro für den Bau notwendig. Während entsprechende Maßnahmen beim Neubau von Straßen inzwischen zwingend durchzuführen sind, ist die Finanzierung an bestehenden Straßen generell schwierig, da hier die Eingriffsregelung gemäß Naturschutzgesetz nicht greift. So wird es auch im vorliegenden Fall vom Geschick und Durchsetzungsvermögen der beteiligten Akteure abhängen, ob eine Finanzierung möglich ist. Daher hat sich der BUND Region Hannover in enger Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Umwelt und Stadtgrün der Landeshauptstadt Hannover entschlossen, einen Förderantrag bei der Niedersächsischen Umweltstiftung, der Umweltlotterie BINGO gestellt auf Unterstützung dieses für den Naturschutz in der Region Hannover so wichtigen Projektes. Der BUND wird mit viel eigener ehrenamtlicher Leistung und Hannover mit zusätzlichen finanziellen Mitteln und Planungsarbeit ihren Teil zum Gelingen beisteuern.
Ein zusätzliches positives Zeichen sind und waren die Bemühungen des Fachbereichs Umwelt und Stadtgrün, in diesem Landschaftsraum in den letzten Jahren neue Laichgewässer und Landlebensräume zu entwickeln. Geplant und mittlerweile umgesetzt ist auch die aufwändige und professionelle Renaturierung des Badebornteiches, einer ehemaligen Fischteichanlage, durch die Landeshauptstadt Hannover. Dieser schöne, große Teich, der sich zu einem wertvollen Amphibienbiotop entwickelt hat, wird durch die Bade, einer Quelle aus dem Benther Berg, gespeist und fliesst von dort in den gleichnamigen Bach, die Bade. Die Quelle entspringt am Fuße des Benther Berges nur wenige hundert Meter südlich der Lenther Straße.
Bis zur Umsetzung von dauerhaften Schutzmaßnahmen an der Lenther Chaussee sind BUND-Mitglieder auch weiterhin engagiert, um die warzigen Wanderer vor dem Straßentod zu retten. Bis das ganze Gebiet - also auch der Bereich am Benther Berg außerhalb der Grenzen Hannovers - mit einer festen Amphibienschutzeinrichtung versehen sein wird, sind weiterhin helfende Hände zum Beispiel bei der morgendlichen Kontrolle der Fangeimer gern gesehen. Neben kalten Fingern winken dabei auch interessante Einblicke in die Biologie einer stark gefährdeten Tiergruppe sowie die Gewissheit, zum Erhalt eines der wichtigsten Amphibienvorkommen in der Region beizutragen.