Zur Geschichte des Amphibienschutzes an der Lenther Chaussee

25 Jahre Amphibienschutz an der Lenther Chaussee

Noch im Winter 2007 warteten im Februar, wenn sich langsam das Ende des Winters ankündigt, Karsten Gastmann (BUND) und Gerhard Felchner (NABU) gespannt auf die ersten wärmeren Regennächte des Jahres. Zusammen mit anderen Mitgliedern des BUND betreuen sie eines der ältesten Naturschutzprojekte der Kreisgruppe: die Krötenschutzaktion an der Lenther Chaussee in Hannover-Badenstedt. Denn hier, am Fuß des Benther Berges und direkt vor den Toren der Stadt, liegt eines der bedeutendsten Amphibienvorkommen in Hannover.

Warm und feucht muss es sein, damit Erdkröten und andere Lurche zur Wanderschaft in ihre Laichgewässer aufbrechen. Wobei warm relativ ist: Schon Temperaturen um 4 bis 10°C, Nieselregen und Windstille bringen die Kröten in Schwung. Leider müssen viele der wandernden Amphibien zunächst eine tödliche Gefahr bestehen, wenn sie an der Fortpflanzung teilnehmen wollen: die Überquerung der Lenther Chaussee. Dem Autoverkehr auf dieser auch abends noch vielbefahrenen Kreisstraße fallen immer wieder zahlreiche Tiere - nicht nur Amphibien - zum Opfer.

Seit 1983 werden deshalb von Nord nach Süd wandernde Erdkröten von ehrenamtlichen Naturschützern mit Hilfe eines mobilen Amphibienschutzzauns abgefangen und zum Ablaichen in ein nördlich der Straße neugeschaffenes Gewässer umgesetzt. Diese Arbeit wird seit Jahren vor allem von Gerhard Felchner aus Ronnenberg übernommen. Die Hoffnung war von Anfang an, die Amphibien auf den neuen Laichplatz umzuprägen und die Wanderung langfristig zum Versiegen zu bringen. Leider zeigen die nach wie vor hohen Zahlen anwandernder Tiere, dass diese Rechnung nicht aufging. Offensichtlich wollen sich die Erdkröten auch nach 20-jährigen Bemühungen nicht von ihren ursprünglichen Laichplätzen südlich der Lenther Chaussee abbringen lassen.

Neue Erkenntnisse 

Die BUND-Kreisgruppe gab deshalb im Jahr 2002 mit finanzieller Unterstützung durch die niedersächsische Umweltstiftung eine Untersuchung in Auftrag, um die aktuelle Situation der Amphibienpopulationen zu klären und ein Maßnahmenkonzept zur dauerhaften Lösung der Problematik aufzustellen. Das Gutachten wurde von den beiden Biologen Tobias Wagner und Dirk Herrmann von der Arbeitsgemeinschaft Biotop- und Artenschutz aus Neustadt erarbeitet.

Dabei konnte zunächst die Bedeutung des Amphibienvorkommens eindrucksvoll bestätigt werden. Im Gebiet kommen neben der Erdkröte sieben weitere Arten vor, darunter der stark gefährdete Laubfrosch sowie Bergmolch, Kammmolch und Seefrosch als gefährdete Arten. Damit stellt der Bereich einen der arten- und gleichzeitig auch individuenreichsten Lebensräume von Lurchen im Bereich der Stadt Hannover und der näheren Umgebung dar! Besonders die Population der Erdkröte erreicht mit insgesamt mehreren tausend Tieren eindrucksvolle Zahlen. Grasfrosch, Teichmolch und Teichfrosch vervollständigen das Artenspektrum.

Die insgesamt günstige Situation ist vor allem auf die seit 1983 durchgeführten Naturschutzmaßnahmen zurückzuführen. So wurden Gewässer und Landlebensräume neu angelegt und gepflegt. Durch die mit hohem ehrenamtlichem Aufwand durchgeführten jährlichen Krötenzaunaktionen an der Lenther Chaussee konnten zudem Verluste durch den Straßenverkehr deutlich reduziert werden.

Badebornteich

Inzwischen sind im Zuge der Maßnahmen auf beiden Seiten der Lenther Chaussee Laichgewässer und bewaldete Landlebensräume als notwendige Teillebensräume der Erdkröte vorhanden - warum wollen die Kröten also immer noch die Straße überqueren?

Weniger wegen der immer wieder beschworenen Laichplatztreue der Art, denn so treu ist sie ihrem Geburtsgewässer durchaus nicht: Auch im Untersuchungsgebiet zeigte sich, dass ein erst eineinhalb Jahre altes Gewässer bereits von mehreren hundert Erdkröten als Laichgewässer angenommen wird. Der Grund liegt vielmehr in dem Umstand, dass die Jungtiere der Erdkröte mehr oder weniger ungerichtet von ihrem Geburtsgewässer in die Umgebung streuen. Wenn sie es dabei schaffen, lebend die Lenther Chaussee zu überqueren und geeignete Nahrungs- und Überwinterungslebensräume zu finden, werden sie in der Regel im Alter von drei bis vier Jahren geschlechtsreif und machen sich auf den Weg zu ihrer - auch unter natürlichen Bedingungen - häufig einzigen Laichplatzwanderung. Falls sie nicht ein neues, geeignetes Gewässer finden, wandern sie zurück zu dem Laichplatz, den sie mit Sicherheit kennen, nämlich ihrem Geburtsgewässer. Dabei müssen sie unter Umständen wiederum die Lenther Chaussee überqueren - und landen hoffentlich vorher im Eimer ...

So unangenehm die Erkenntnis ist: Die seit 25 Jahren durchgeführte Krötenzaunaktion an der Lenther Chaussee sichert nur den Status quo, sie wird nicht zu einer langfristigen Entschärfung der Problematik führen. Ziel des Naturschutzes muss es deshalb sein, eine dauerhafte Lösung zum Schutz der Amphibien zu erreichen. So wären die Tiere auch während der Rückwanderung im Laufe des Sommers und Herbstes vor dem Verkehr geschützt. Statt einer arbeitsintensiven Betreuung eines mobilen Krötenzauns könnten dann die Naturschützer sich um die Pflege der Amphibienbiotope, Hecken und Wiesen kümmern. 

Lösungsansätze

Bei einem Treffen des BUND mit Vertretern des Grünflächenamtes der Stadt Hannover (heute Fachbereich Umwelt und Stadtgrün der Landeshauptstadt Hannover), der Unteren Naturschutzbehörde der Region sowie dem Landesamt für Ökologie (heute NLWKN) wurden daher verschiedene Lösungsansätze diskutiert. Dabei war allen Beteiligten klar, dass nur dauerhafte Sperr- und Amphibienschutz-Einrichtungen sowie ein Krötentunnel an der Lenther Chaussee eine nachhaltige Entschärfung der Situation bringen können.

Technisch stellt eine solche Lösung kein Problem dar, der Haken ist allerdings der hohe Preis: Voraussichtlich sind mehr als 100.000 Euro für den Bau notwendig. Während entsprechende Maßnahmen beim Neubau von Straßen inzwischen zwingend durchzuführen sind, ist die Finanzierung an bestehenden Straßen generell schwierig, da hier die Eingriffsregelung gemäß Naturschutzgesetz nicht greift. So wird es auch im vorliegenden Fall vom Geschick und Durchsetzungsvermögen der beteiligten Akteure abhängen, ob eine Finanzierung möglich ist. Daher hat sich der BUND Region Hannover in enger Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Umwelt und Stadtgrün der Landeshauptstadt Hannover entschlossen, einen Förderantrag bei der Niedersächsischen Umweltstiftung, der Umweltlotterie BINGO gestellt auf Unterstützung dieses für den Naturschutz in der Region Hannover so wichtigen Projektes.  Der BUND wird mit viel eigener ehrenamtlicher Leistung und Hannover mit zusätzlichen finanziellen Mitteln und Planungsarbeit ihren Teil zum Gelingen beisteuern.

Ein zusätzliches positives Zeichen sind und waren die Bemühungen des Fachbereichs Umwelt und Stadtgrün, in diesem Landschaftsraum in den letzten Jahren neue Laichgewässer und Landlebensräume zu entwickeln. Geplant und mittlerweile umgesetzt ist auch die aufwändige und professionelle Renaturierung des Badebornteiches, einer ehemaligen Fischteichanlage, durch die Landeshauptstadt Hannover. Dieser schöne, große Teich, der sich zu einem wertvollen Amphibienbiotop entwickelt hat, wird durch die Bade, einer Quelle aus dem Benther Berg, gespeist und fliesst von dort in den gleichnamigen Bach, die Bade. Die Quelle entspringt am Fuße des Benther Berges nur wenige hundert Meter südlich der Lenther Straße. 

Bis zur Umsetzung von dauerhaften Schutzmaßnahmen an der Lenther Chaussee sind BUND-Mitglieder auch weiterhin engagiert, um die warzigen Wanderer vor dem Straßentod zu retten. Bis das ganze Gebiet - also auch der Bereich am Benther Berg außerhalb der Grenzen Hannovers - mit einer festen Amphibienschutzeinrichtung versehen sein wird, sind weiterhin helfende Hände zum Beispiel bei der morgendlichen Kontrolle der Fangeimer gern gesehen. Neben kalten Fingern winken dabei auch interessante Einblicke in die Biologie einer stark gefährdeten Tiergruppe sowie die Gewissheit, zum Erhalt eines der wichtigsten Amphibienvorkommen in der Region beizutragen. 



  • Direkt zur Online-Spende, Foto: eyewire / fotolia.com
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Arbeitsgruppe Amphibien

Kontakt:

Sibylle Maurer-Wohlatz, bund.hannover@bund.net
0511/660093

In Notfällen, wenn Amphibien bedroht sind:
0176/63299383

Treffen:

Jeden 2. Samstag im Monat um 10:00 Uhr am Badebornteich. Wer bei den Arbeitseinsätzen mitmachen möchte ist herzlich willkommen. Aufgrund eventueller kurzfristiger Terminverschiebungen bitte immer vorher anrufen oder e-mailen!

Weitere Informationen

Flyer "Amphibien - die Doppellebigen"


Broschüre "Amphibien in der Region Hannover" (bitte anfordern)


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